DIGITAL DIVIDE

PAINTING IN THE AGE OF NEW MEDIA

Nick Fudge Andreas Lau Römer + Römer

Thu, 1 Dec 2019 - Sat, 12 Jan 2020​Kunstverein Speyer, Speyer, GermanyThu, 1 Dec 2019Talk by Claudia Stamatelatos
Exhibition catalogue

Digital Divide review by Ellen Korelus-Bruder, Die Rheinpfalz (excerpt), 29 Nov 2019

Fudge does a masterful digital reproduction. The London artist lives out his penchant for Pablo Picasso, computers, painting and postmodernism on the laptop and with a brush. His painted pictures could just as well have been created on the computer. Only the intense gaze leads the viewer to Fudge's independently modernized Cubism. Fudge is the only exhibitor to establish the connection between PC and painting in some works. He consistently follows tradition and logic, shows freedom of thought and creativity.


Korelus-Bruder, Ellen. Speyer: Exhibition "Digital Divide - Painting in the Age of New Media" at the Kunstverein, Die Rheinpfalz (review), 29 Nov 2019

Bilingual Katalog essay

Verdrehte Welt

„Und sie bewegt sich doch.“ Aber wohin?

Eine verdrehte Welt zieht ihre Bahnen im medialen Strom der Zeit. Endloser Datenfluss.

Bilderfluten rauschen vorbei mit einer Verweildauer von Sekunden.

Durch ebenso massives und wie massenhaftes Auftauchen scheinen sie sich selbst zu negieren und überflüssig zu machen. Sie wirken beliebig reproduzierbar, transportierbar, multiplizierbar.

Dann muss was neues her. Facebook, Instagramm, Twitter..

Reiz-Überflutung?!

Brauchen wir noch Bilder in Form althergebrachter Malerei? Das ist doch nur ein überholtes Medium der Vergangenheit. Neue Medien spalten und teilen unsere bisherige Welt auf.


Digital Divide

Begriffe wie Zeit, Ort und Materie werden neu gedacht. Die Welt schrumpft. Wir können jederzeit überall sein. Und durch Transformation in digital codierte Zeichen verliert das Reale zudem seine Beschaffenheit. Man kann es nicht einmal mehr anfassen. Es ist nur noch virtuell vorhanden. Alles ist grenzenlos, unbegreifbar, nicht mehr wahrnehmbar.

Wir befinden uns in clouds, in digital flows, in virtual realities, aber immer seltener mit beiden Beinen auf der Erde. Wir haben sozusagen den Boden unter den Füßen verloren.

Verpixelung und Aufrasterung durch rhythmische Codierung führt zur Neutralisierung. Dahinter lassen sich nur noch sehr bedingt kreative individuelle Personen als Gestalter erkennen. Vieles wirkt tot und maschinell erzeugt.

Aber genau dieser Umstand kann auch inspirierend und spannend sein….wird registriert und auch künstlerisch genutzt.

Technische Fortschritte haben immer schon Einflüsse auf traditionelle Medien gehabt. Man denke nur an die Erfindung der Fotografie. Angeblich „Das Ende der Malerei“! Stattdessen wurde sie dadurch im gleichen Masse befreit und bereichert. Geradezu völlig neu definiert.

Denn Kunst erfindet. Sie ist der Feind des Stillstands und Gegner des Bestehenden. Sie motiviert sich aus Unzufriedenheit mit den Zuständen. Deshalb muss man in der Kunst auch immer beides mitdenken. Das Vorhandene und das Kommende. Ohne gleich avantgardistisch sein zu wollen.

Sie ist als Prozess grundsätzlich unangepasst an irgendwelche Trends. Überschneidungen mit aktuellen Phänomenen passieren eher aus einer thematischen Notwendigkeit. Dies gilt auch für die Künstler Nick Fudge (London), Andreas Lau ( Karlsruhe) und Römer+Römer (Berlin). Im weiteren Sinne gehen sie der Frage nach, wie ihre Malerei die neuen optischen Einflüsse aufnehmen und interpretieren kann, sowohl im rein technischen, wie auch im gesellschaftspolitischen Zusammenhang. Bewusst und unbewusst. Intuitiv und kalkuliert. Ist dies für sie als Künstler und ihre künstlerische Grundidee individuell nutzbar? Oder stört es die notwendige Herangehensweise an die Arbeit.


Das Ende der „Wahr“nehmung ?

Andreas Lau beschäftigt sich in seiner Arbeit sehr intensiv mit der Frage: Was sehe ich wirklich? Was verbirgt sich hinter dem Abgebildeten? Was ist wahr?

Zur Umsetzung dieser Thematik filtert und zerlegt er die Bildoberflächen seiner Motive mit gleichförmigen Rastern, Zeichen und Punkten, bis der Betrachter buchstäblich nicht mehr „durchblickt“. Er wird gezwungen, sich genau diesen Fragen zu stellen.

„...Die Verschlüsselung des Themas erfolgt durch eine Art Filter, den er über das Geschehen legt und der es einerseits zusammenhält, andererseits aber auch zerstört. Seine Motive findet Lau beim Durchblättern von Zeitungen. Interessante Bilder mit besonderen Kontexten werden ausgeschnitten und gesammelt….. Durch die Imitation der vorhandenen Strukturen mit Punkten, Rechtecken oder Linien in Eitempera zerlegt er das Bild in Zeichen…..So entsteht eine Objekthaftigkeit in der Zweidimensionalität, die bei einigen Werken den Eindruck erweckt, die Gesichter würden sich aus dem Untergrund hervorwölben. Die physische Annäherung des Betrachters an ein Gemälde hat eigentlich zum Ziel, mehr zu erkennen. Durch die Auflösung der Darstellung in reine Bildmittel entsteht bei Andreas Lau seinen Werken ein gegenteiliger Effekt. Nur aus der Ferne lässt sich ausmachen, was dargestellt ist, in der Nahsicht beginnt es vor den Augen zu flimmern.“ (Tessa Rosebrock M.A. Kunsthalle Karlsruhe / „Schicht/Sicht“ Malerei Andreas Lau / Modo-Verlag))

Können wir wirklich entschlüsseln, was wir sehen?

Verstehen wir die Geschichten, die sich hinter Motiven verbergen? Eindeutig „Nein“.

Bilder werden tausendfach gefälscht. Früher mit großem Aufwand. Heute mit schneller digitaler Präzision. Kaum erkennbar. Zur Manipulation. Als Fake. Als Waffe.

Digitalisierung als Technologie macht die Welt keineswegs sicherer. Sie wird zu einem gefährlicheren Ort. Sie hat mit Wahrheit und „Wahr“nehmung nur wenig zu tun!

Wenn Lau ein eng umschlungenes Paar auf einer Tanzfläche malt, denkt man normalerweise an die Darstellung zweier Liebenden. Beide schmiegen sich in scheinbar größter Hingabe aneinander. Nur die seltsam verrenkten Körperhaltungen verraten eine gewisse Unstimmigkeit. Da passt etwas nicht ganz zusammen. Aber was? Auch der Titel der Arbeit gibt keine Aufklärung: „Lovers (Der Tanz)“. Genau das vermeint man auch zu sehen. Durch die lineare Aufrasterung, die dadurch entstehende „Bildstörung“, verändert sich aber dieser Eindruck. Das Bild beginnt zu schwingen und sich selbst zu hinterfragen. Aus der Nähe verliert man es sogar ganz aus den Augen. Was sieht man wirklich? Was verbirgt sich hinter diesen aneinander hängenden, schlaffen Körpern? Es handelt sich um Tänzer eines sogenannten Tanzmarathons in den USA der 20iger Jahre. Hier konnten sich mittellose Leute etwas Geld verdienen, indem sie beim Dauertanzen am längsten durchhielten ohne dabei einzuschlafen. Die beiden Protagonisten kannten sich also unter Umständen nur flüchtig, und versuchten lediglich irgendwie durchzuhalten. Keine Romantik. Keine Liebe. Für eine Handvoll Dollar. Der Betrachter sieht das Gegenteil von dem, was er zu sehen meint. Mit diesem Wissen wird das Bild nie mehr zu dem, was es vorher war. Und kann auch nie mehr als solches betrachtet werden. Eine unschuldig wirkende Szene verkehrt sich ins Gegenteil. „Situationen“ nennt diese Art von zweideutigen Bildern.

Eine weitere Bildserie mit dem Titel „Stills“ beschäftigt sich ganz gezielt mit den vielfältigen Möglichkeiten und Kuriositäten der Fälschungen von Wirklichkeiten in Bildern:

Es sind Momentaufnahmen, kurze Shots, die über sich hinausweisen. So z.B. die Retuschierung von Trotzki aus allen Revolutions- und Parteibildern… Als ob man ihn dadurch tatsächlich auslöschen könnte.

Eine verzerrt auflösende, zweidimensional monitorhafte Oberfläche entspricht Laus Sichtweise. Er will keine räumlichen Illusionen. Alles Weitere wäre schon beginnende Lüge. Die Unschärfen und Rasterungen passen. Der genaue Blick ist gefragt. Und dieser braucht Zeit und bremst. Und wirkt dadurch der Geschwindigkeit und Schnelllebigkeit entgegen. Ein Filter wird zwischen Bild und Wirklichkeit gestellt. Das Bild ist nur ein Bild vom Bild. Zerlegung in seine Einzelteile. Das wird dann gerne mit Chuck Close oder Gerhard Richter verglichen. Hat aber, ausser optischer Ähnlichkeiten, wenig mit diesen Künstlern zu tun.

Zudem hat Lau ein Faible für alte Schwarz-Weiss-Fotografie, für Archäologie und Frühgeschichte, wodurch ein zusätzlicher Reiz für seine Technik der bildschirmhaften Störungen , Auflösungen und weiteren Überrasterungen entsteht. Das Porträt des ersten „Modernen Menschen (Homo Sapiens Sapiens)“ überspringt dadurch mal schnell analog einige 10.000 Jahre. Eine Zeitreise mit fast digitaler Geschwindigkeit...So schnell kann es buchstäblich gehen.


Der Verlust der Sensibilität ?

Eine völlig anderer Umgang mit dem Begriff „Neuen Medien“ findet sich bei Römer+Römer. Ihr vorrangiges Interesse gilt den großen Festivals der Jugendkultur, wie dem Fusion-Festival oder gigantischen bunten Folklore- und Kulturereignissen, wie dem Karneval von Rio, der von Farben nur so strotzt! Bunt. Laut. Und verspielt! Ein Fest der vielen Sinne!

Diese Mega-Events werden von Ihnen mit Digitalkameras in tausenden von Bildern subjektiv, aber genauestens, dokumentiert und festgehalten. Für sie geeignete Motive werden ausgewählt, am Computer weiterbearbeitet und schließlich in Ölmalerei umgesetzt. Sie sind Chronisten unserer Zeit und eines bestimmten Lebensgefühls: Zelebration der Nacht, Farben der Musik, Rhythmus des Tanzes, Zauber des Enigmas. Besonders auffallend in den neuen Bilderserien zum „Burning Man“-Festival in der amerikanischen Black Rock Desert in Nevada.

„Was 1986 ganz bescheiden als ein persönliches Heilungsritual begann, das Larry Harvey (1948-2018) mit 20 Teilnehmenden am Baker Beach in San Francisco organisierte, hat sich heute zu einem Kulturphänomen epischer Größe entwickelt, mit diversen Ritualen, bildender Kunst und Performance. Jedes Jahr zieht es immer in der Woche vor dem Labor Day etwa 70.000 Menschen in die Salztonebene des eiszeitlichen Lake Lahontan in der Black Rock Desert im Nordwesten von Nevada.“( Rachel Bowditch/ Römer+Römer/Burning Man- Electric Sky/ Kerber Verlag S.7)

Römer+Römer denken ihre Bilder zunächst rein malerisch und wählen sie auch nach diesen Kriterien aus. Ihre Zeit ist vor allem Jetzt und Hier. Vergangenheit gibt es nicht. Alles ist gegenwärtig, handelt bei Nacht in buntesten Lichterfluten, digitalisierten Verkettungen und abstrakten Farbgebilden in Form von sogenannten Art Cars. Das erinnert dann etwas an frühere MadMax-Filme. Allerdings ohne derren aggressive Grundstimmung. Weniger das Ereignis an und für sich wird gezeigt, als vielmehr dessen einmalige Farbwirkung. Das große Thema heisst Lichtermeere und Farbigkeiten in allen denkbaren Facetten und Nuancen. Der Rest wirkt ohne ein Grundwissen relativ abstrakt. Individuell erkennbare Personen sind fast überhaupt nicht zu sehen. Höchstens als Umrisse. Digitale Lichterketten übernehmen die Funktion der Aufpixelung und Zerlegung der Motive in Zeichen. Konkret. Sensibel begreifbar. Aber nicht lesbar.

„In die Malerei übersetzt wird aus der Analogie von Pixel und einzelner LED-Diode jedoch eine andere: die zwischen dem gemalten Farbpunkt und dem LED-Licht, das er motivisch darstellt“.

(Ludwig Seyfarth/Römer+Römer/Burning Man-Electric Sky/ Kerber Verlag S.5)

Und bei genauem Hinsehen wird aber schnell klar, das es sich hier um „reine“ Malerei handelt. Oberfläche, Farbe, Material. Sehr präzise zu erkennen in dem Bild „Electric Cloud“. Keine neutral digitalisierten Zeichen, sondern hunderte leicht gestisch exakt nebeneinander gemalter LEDs. Solche Bilder sind sehr aufwändig und dauern. Das ist nun ablesbar. LEDs wie Zeilen. Pinselstrich für Pinselstrich. Das braucht Zeit und Disziplin. Dadurch wirken Römer+Römer der Schnelllebigkeit und dem damit verbundenen Verlust der Sensibiltät entgegen. Sie entschleunigen. Es kehrt Ruhe ein. Ein seltsamer Widerspruch zum Dargestellten. Die furiose laute Party und die Stille des Ateliers. Am Ruhepuls der Zeit.

Die Bilder entführen den Betrachter durch ihre Malweise und nehmen ihn mit auf abstrakte Farbexkursionen. Dabei mag man an impressionistische Einflüsse wie den Pointillismus denken, an Maler wie Seurat. Erlebbar nur aus einer bestimmten Entfernung zur Oberfläche. Aus größerer Distanz bleibt fast alles diszipliniert und fotorealistisch, aus der Nahsicht frei und intuitiv. Ausgeführt mit Lust und Perfektion und dem Respekt der Sensibilität gegenüber. Nicht zuviel. Nicht zu wenig. In feinem gestischen Duktus.

„Und zur Darstellung eines solchen, mit seinen technisch aufwändigen Inszenierungen auch vom futuristischen Elan der Silicon-Valley-Szene inspirierten Festivals das klassische Medium der Malerei zu nutzen, stellt fast automatisch Bezüge zur Kunstgeschichte her, zu der das Burning Man Festival selbst mit seinen originellen Installationen und Art Cars vielleicht auch bereits gehört“ (Ludwig Seyfarth/Burning Man - Electric Sky Kerber-Verlag S.7)

Zusätzlich bemerkenswert ist, das Römer+Römer den Protagonisten des Malers nur suggerieren. Denn die einzelne Person gibt es ja gar nicht. Sie sind schließlich ein Duo und können somit nur als eine Person „gedacht“ werden. Der oder die Maler/in ist höchstens nur sehr sensibel zu spüren. Deshalb auch die zurücknehmende Malweise. Nicht zuviel Persönlichkeit. Keine Dominanz für einen von ihnen. Da bricht keiner durch. Jeder verhält sich leicht defensiv. Das passt wiederum zur anonymen modernen medialen Welt. Das einzelne Individium wird in der Masse kaum mehr wahrgenommen. Wir sind ein Kollektiv.


Das Verschwinden des Materials ?

„Reality Drive“ heisst ein Archival Ink-Jet-Print von Nick Fudge. Laut genauerer Titelangaben ein „uralter“ Tintenstrahldruck, der bis zu seinem heutigen Zustand und der jetzigen Druckform eine Entwicklungszeit von 1994 bis 2015 durchlaufen hat. Schaut man sich weitere solcher Arbeiten an, findet man dieselben langen Entstehungszeiten, die doch sehr verwunderlich sind. Woher kommt das? Wer ist dieser Nick Fudge?

Er ist bzw. war ein Phantom dieses „Reality Drive“. Auf dem Druck abgebildet ist eine amerikanische Straße mit verschiedenen Wegweisern, auf denen aber nichts geschrieben steht. Die Straße der Wirklichkeit führt ins Nirgendwo. The road to nowhere...Und dort war auch er für lange Zeit unterwegs. Entmaterialisiert und verschwunden. Nicht mehr sichtbar. Auf der Reise ins Nirgendwo.

Nick Fudge studierte in den 80iger Jahren am Goldsmiths College London gemeinsam mit Damien Hirst, Sarah Lucas, Liam Gillick etc., den sogenannten Young British Artists, die kurz darauf die internationale Kunstwelt aufmischten. In dieser Gruppe ist er viel beachtet. Allerdings trifft er die Entscheidung sich völlig aus dem Kunstbetrieb zurückzuziehen und verschwindet in der Folge für 25 Jahre von der Bildfläche. Er zeigt nie mehr seine Arbeiten. In dieser Zeit archiviert er sein gesamtes malerisches Werk und vor allem sein Digitales Ouvre, mit dem er sich bereits damals befasst, auf transportablen (aber mittlerweile längst überalterten) Festplatten. Es gibt mit heutigen modernen Laptops und Computern seltsamerweise kaum mehr einen Zugriff darauf. So hält es eine Art Dornröschenschlaf in einem Computerglassarg. Durchsichtig. Schön. Aber unerreichbar. Und fast nicht zu erwecken. Und reift über die Jahre wie von selbst. Wie Wein. Mit Eigenheiten und auch Fehlern.

Fudge reistviele Jahre durch die USA und lebt unter anderem auch in der digitalen Hochburg Silicon Valley. Ihn fasziniert die physische Nähe zu Weltfirmen wie „Apple“ etc. . Ausserdem ist er damals einige Male auf dem Burning Man-Festival in der Black Rock Desert unterwegs.

Der Kreis schliesst sich wieder.

In dieser Zeit entstehen viele Vorlagen für die Prints der amerikanischen einsamen Weiten. Der „Reality Drive“, der „Desert Drive“, „Monument Valley“ oder „Death Valley“, und wie sie alle so schön illustrativ heissen. Bessere Namen gibt es eigentlich nicht für solche, aus der Zeit gefallenen, Gegenden. Endlose Wüsten. Endlose Weiten. Verlassene Orte, verlassene Valleys, verlassene amerikanische Träume. Porträts einer USA, wie man sie aus tausenden von Filmen zu kennen meint. Verrostete Autos inklusive.

2010 startet Fudge eine Art Expedition in seine eigene digitale und mediale Vergangenheit, und er unternimmt eine Reise in die moderne Medien-Archäologie der 1990iger Jahre. In kurzer Zeit wird er zu einem Ausgräber in eigener Sache. Dabei erforscht er wie ein Archäologe die frühesten Zeitalter seiner eigenen Arbeiten. Jetzt erklären sich auch die langen Entstehungsangaben in den Titeln der Prints.

Zur Nutzbarkeit und Weiterentwicklung seiner verschlossenen alten Prints und zu ihrer Bearbeitung baut er neue Gestaltungsprogramme zusammen. Zum Beispiel um mit der „Digitalen Hand“ zu malen. „Brushmarks“ und „painted pixelations“ nennt er seine weiteren Verfahren des „digitising“. Oder auch „Abstractions of computer series“. Er benutzt Zufallsprinzipien durch den spontanen Einsatz der „Edit-, Undo und Redo- Tasten“, die auch als Begriffe in seinen Bildtiteln auftauchen. Hierdurch können sich Bilder wie von selbst malen. Der äussere Einfluss wird zufälliger. Der Human error kann eine Rolle spielen. Klingt komplex. Ist es auch. Als Laie nur schwer zu verstehen. Ein altes graphisches Bildbearbeitungsprogramm verändert er in eine zeitgemässe Variante zur Reinterpretation der „kubistischen Logik“. Es entstehen wiederum kunsthistorische Zitatebilder, die auf eigene Art und Weise mal kurz hundert Jahre Kunstgeschichte überspringen und überraschende Ähnlichkeiten zwischen frühen Picassos, Velasquez und heutigen digitalen Computerprints aufzeigen und herstellen. Als hätten diese bereits damals davon gewusst.

Fudge persönlich ist ein großer Fan von Picasso und Jasper Johns. Man sieht dies vor allem seinen neueren, in Öl gemalten, Arbeiten an. Sie orientieren sich stark an diesen Künstlern und beschäftigen sich intensiv mit derren Werken. Die Ölbilder beschreiben vor allem sein „sichtbares, vorhandenes“ Werk . Denn sie sind materiell begreifbar und haben Oberfläche.

Ansonsten müssen seine Arbeiten häufig gedacht werden. Es gibt keinen finalen Output, an dem ein Bild oder Druck beendet ist. Alles kann sich immer wieder wie von selbst verändern oder ganz verschwinden. Seine Kunst ist unbegreiflich. Nichts ist wirklich da. Nur Datenmengen. Entmaterialisiert.

Wir sehen also auch Bilder, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte. In Zeiten der Bilderfluten ein Phänomen, bei dem man unbedingt genauer hinsehen sollte. Solange es geht.


Drei Künstler. Eine Scheinbar Wilde Mischung.

Bilder als Widerspruch und Dialog. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Und das ist könnte ihre Antwort und Gemeinsamkeit im Umgang mit den Neuen Medien sein :

Sie nehmen sich die notwendige Zeit für die eigene Arbeit und geben diese Haltung dann auch an den Betrachter weiter. . Sie lassen sich nicht von der Hektik und Schnelllebigkeit anstecken.

Sie arbeiten für und mit der Lust am Individuellen, Sie hinterfragen weiterhin mit exaktem Blick. Gegen die Schnelligkeit - für das Verweilen.

Entspanntes Bad im Datenfluss. Digital flow. Sich treiben lassen. Verweildauer von Stunden.

Verdrehte Welt.

„Und sie bewegt mich doch!“

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Installation views

The Purposeless World

"And it moves."

Permanent research and the latest achievements are constantly overtaking and leave no time for standstill and rest. I know that I know nothing. Is there our one "real" world, or is it a projection to our reassurance? Will we soon discover our own non-existence? Are we slaves to the latest technologies? And what is this "artificial" intelligence? Welcome to the machine. The matrix sends greetings. Everything is turning. It's now about the fastest possible speeds. We are sitting in the particle accelerator. The largest machine in the world for the discovery of the smallest particles. Paradox. Does this begin to overcome reality? Time, place, matter are consistently re-thought. Pixels and rasterization through rhythmic encodings into digital signs lead to the neutralization and transformation of reality. They change the perception. The planet is shrinking. We can be anywhere anytime. Borders dissolve. The real loses its texture. You can not even touch it anymore. It is only available virtually.

Where can and will this lead?

Is there still room for old-fashioned analogue media like painting?

Digital Divide

New medias have been dividing our previous world for some time.

We are in clouds, in digital flows, in virtual realities, but increasingly rare with both feet on earth. We lose the ground under our feet. Much works dead and machine generated. The loss of any sensitivity is close.

Technical advances have always had an impact on traditional media. Just think of the invention of photography. Supposedly "The end of painting"! Instead, she was freed from constraints, enriched and almost completely redefined.

Art is the enemy of standstill and opponent of the existing trends. It is motivated out of a dissatisfaction with the current state things. That's why you always have to think in terms of art: the existing and the coming. Without wanting to be avant-garde right away.

It is fundamentally unadapted as a process. Overlaps with current phenomena happen more from a thematic need. This also applies to the artists Nick Fudge (London), Andreas Lau (Karlsruhe) and Römer + Römer (Berlin). In their respective painting practices, all three examine the question of how they can absorb and interpret the new optical influences, both in a purely technical context and in also terms of content. Conscious and unconscious. Intuitive and calculated. Is this individually usable for you? Or does it bother the existing basic idea.

The Questioning of Perception

Andreas Lau's work deals very intensively with the question: What do I really see? What is behind the depicted person? What's true?

To implement this theme, he filters and dissects the image surfaces of his motifs with uniform grids, signs and dots, until the viewer literally no longer "sees through". He is forced to ask himself exactly these questions.

"... The encryption of the theme is done through a kind of filter that he puts on the events and on the one hand holds together, on the other hand, but also destroyed. Lau finds his motives when leafing through newspapers. Interesting images with special contexts are cut out and collected... By imitating the existing structures with points, rectangles or lines in egg tempera he breaks the picture into signs... This creates an objectivity in the two-dimensionality, which gives the impression in some works that the faces bulge out of the ground. The physical approach of the viewer to a painting is actually intended to recognize more. The dissolution of the representation into pure pictorial means creates an opposite effect for Andreas Lau's works. Only from a distance can one make out what is represented, in the near-vision it begins to flicker before the eyes. "

(Tessa Rosebrock MA Kunsthalle Karlsruhe /" Schicht / Sicht "Painting Andreas Lau p.56 / Modo-Verlag)

Can we really decipher what we see?

Do we understand the stories that hide behind motives? Clearly "no".

Images are forged thousands of times. In the past with great effort. Today with fast digital precision. Barely recognizable. For manipulation. As a fake. As a weapon.

Digitization as technology does not make the world any safer. It becomes a more dangerous place. It has little to do with truth and "perception"!

When Lau paints a tight-laced pair on a dance floor, one usually thinks of the portrayal of two lovers. Both cling to each other in seemingly intimate devotion. Only the strangely twisted postures betray a certain disagreement. Something does not quite fit together. But what? Even the title of the work gives no explanation: "Lovers (The Dance)". That's exactly what you're supposed to see. Due to the linear screening, the resulting "picture disturbance", but this impression changes. The picture begins to swing and to question itself. Close up youlose sight of themotive even. What do you really see? What is behind these hanging, limp bodies? It is a "dance couple" of a so-called dance marathon of the 20s in the USA. Here, destitute people could earn some money by staying the longest while dancing without falling asleep. The two protagonists knew only fleetingly, and tried to hold on somehow. For a few dollars. No romance. No love. The viewer sees the opposite of what he means to see. With this knowledge the picture never becomes what it was before. And can never be considered as such. An innocent scene turns into the opposite. Lau calls these kinds of ambiguous images "situations."

Another series of pictures titled "Stills" deals specifically with the manifold possibilities and curiosities of the falsifications of realities in pictures: they are snapshots, short shots that point beyond themselves. For example, the retouching of Trotsky from all the revolutionary and party pictures ... as if it could actually wipe him out.

A distorted, two-dimensional monitor-like image surface corresponds to Laus's point of view. He does not want any spatial illusions. Everything else would be already beginning lie. The blurs and rasters fit. The exact look is required. And this takes time and slows down. And thereby counteracts the speed and fast pace. A filter is placed between image and reality. The picture is just a picture of the picture. Disassembly into its items. This is then compared with Chuck Close or Gerhard Richter. But apart from optical similarities, has little to do with these artists.

In addition, Lau has a penchant for old black and white photography, for archeology and early history, which creates an additional charm for his technique of screen interference, resolutions and other interferences. The portrait of the first "Modern Man (Homo Sapiens Sapiens)" skips this fast times analogous to some 10,000 years. A journey through time with almost digital speed ... It can literally happen so fast.


The Preservation of Sensibility

A completely different approach to the term "new media" can be found at Römer + Römer. Her primary interest is in temporary communities, as witnessed at demonstrations, at major youth culture festivals such as the Fusion Festival, or at major cultural events, such as the Rio Carnival, which is bursting with color! Colorful. Loud. And playful! A feast of the many senses!

These gatherings are subjectively, but accurately, documented and recorded by you with digital cameras in thousands of pictures. Motifs suitable for them are selected, further processed on the computer and finally converted into oil painting. They are chroniclers of our time and a certain way of life: celebration of the night, colors of music, rhythm of the dance, magic of enigmas. Particularly striking in the new series of pictures for the "Burning Man" festival in the American Black Rock Desert in Nevada.

"What began modestly in 1986 as a personal healing ritual organized by Larry Harvey (1948-2018) with 20 attendees at Baker Beach in San Francisco has today become a cultural phenomenon of epic grandeur, with diverse rituals, fine art and performance. Every year, every week before Labor Day, some 70,000 people visit the salt flats of glacial Lake Lahontan in the Black Rock Desert in northwest Nevada. "(Rachel Bowditch / Römer + Römer Burning Man - Electric Sky / Kerber Verlag p. 7)

Romans + Romans initially think their pictures in a purely painterly way and select them according to these criteria. Your time is above all now and here. There is no past. Everything is present, at night in the most colorful light floods, digitized links and abstract color structures in the form of so-called Art Cars. It's a bit reminiscent of earlier MadMax movies. However, without their aggressive mood. Less the event in and of itself is shown, but rather its unique color effect. The big theme is the sea of ​​lights and colors in all conceivable facets and nuances. The rest seems relatively abstract without a basic knowledge. Individually recognizable persons are almost not to be seen at all. At most as outlines. Digital fairy lights take over the function of pixelling and decomposition of the motifs in signs. Concrete. Sensibly understandable. But unreadable.

"Translated into painting, however, the analogy of pixel and single LED diode translates into another: the one between the painted color dot and the LED light, which it represents as a motif."

(Ludwig Seyfarth / Römer + Römer Burning Man - Electric Sky / Kerber Verlag p.5)

On closer inspection, however, it quickly becomes clear that this is "pure" painting. Surface, color, material. Very precise to recognize in the picture "Electric Cloud". No neutrally digitized signs, but hundreds of slightly gestural LEDs painted side by side. Such pictures are very elaborate and take. That is now readable. LEDs like lines. Brush stroke for brush stroke. That takes time and discipline. As a result, Römer + Römer counteract the fast pace of digital modernity and preserve sensibility. They decelerate. It comes to rest. A strange contradiction to the sitter. The furious loud party and the silence of the studio. At the rest of the moment.

The images lead the viewer through their painting style and take him on abstract color excursions. One might think of impressionistic influences like pointillism, painters like Seurat. Experienced only from a certain distance to the surface. From a distance, almost everything remains disciplined and photorealistic, free and intuitive from near vision. Carried out with pleasure and perfection and the respect of sensitivity. Not too much. Not to less. In fine gestural style.

"And to depict such a festival, whose technically elaborate productions also inspired the futuristic élan of the Silicon Valley scene to use the classical medium of painting, almost auto-matically creates references to art history, to which the Burning Man Festival itself with its original Installations and Art Cars may also already be heard "(Ludwig Seyfarth / Römer + Römer Burning Man - Electric Sky / Kerber-Verlag p.7)

In addition, it is remarkable that Römer + Römer has been uniting two individuals into one artistic position for more than 20 years to have. In her painting, no identifiable individual brush gesture is sought. Nina and Torsten Römer bring a common oeuvre to the screen. This is not only of interest from a purely artistic point of view, but also with regard to "gender equality", which is expressed through this joint work. Both individuals are in sensitive contact with each other to achieve the best possible result.


The Disappearance of the Material

"Reality Drive" is the name of an inkjet print by Nick Fudge. The date of origin of the work is dated between 1994-2015. This can be found in other works as well. Fudge stopped painting in 1989 and started his digital art back in 1994. He used graphic software programs from Apple MacIntosh computers. In fact, Reality Drive was actually printed in 2015. The picture shows an empty European country road with unlabeled signposts leading to nowhere. The Road to Nowhere. A contemporary figurative print symbolizing the dissolution and disappearance of the material. Nothing more to see. Nothing left. Waiting for Godot?

For a long time, Fudge himself was a traveler, a kind of vanished phantom, on this street. Dematerialized and invisible to others.

He studied at Goldsmiths College London in the late 1980s with Damien Hirst, Sarah Lucas and Liam Gillick, the so-called Young British Artists, who soon after shook up the international art world. He was very respected in this group. But then he made the decision to withdraw completely from the art business, disappeared from the scene and went to North America for 20 years. With the exception of a group exhibition in 1992, which was curated by Michael Landy for the gallery Karsten Schubert, he never showed his work. He created very meticulous and accurate digital reproductions of his entire painting and drawing work, as it now represented much of his new complex digital oeuvre. After that, he stashed and dumped everything on portable hard drives that are now outdated. Strangely enough, even with modern laptops and computers there is hardly any access to it. In this personal archive he saved the oeuvre with a kind of "duchampchen" refusal attitude. Locked. Almost unreachable.

The self-imposed restraint to the presentation over two decades meant that the fate of most of the work remained unclear and therefore the exhibitions could only have a purely retrospective character.

Fudge traveled the United States on his own reality drive, hanging in some cities and, among other things, living in the digital capital Silicon Valley for a while. As a lover of Apple computers, he liked the proximity to such world companies. He was also on the Burning Man Festival in the Black Rock Desert several times.

The circle closes again.

On his travels he began to grapple with American motifs, such as the sublime deserts, which he vectorised and framed for his archive of digital images and drawings. In the form of retrospective works of art, printed on stainless steel, acrylic, vinyl and canvas, he will set a memorial to them years later.

Fudge's personal pictorial encyclopedia smells of endless deserts, unlimited horizons, ghost towns and deserted land. There are "Reality Drives, Desert Drives, Monument Valleys, Death Valleys." For over 20 years he lived the American Dream. On-The-Road. And thought about portraits of digital America.

Rusted cars included.

In 2011 he returned to traditional media. He painted oil paintings on canvas, drawings and watercolors. He sought new methods of digitizing, a palette of painterly techniques, and reworked his own gestural brushstrokes with a kind of "gestitch pixelation."

Fudge tends to think in picture series. One of them is called "Abstractions of Computer Series".

He uses random principles and plays with the spontaneous use of computer keyboard shortcuts for the jobs "edit, undo and redo" (edit, undo, redo). Each one stands for itself. Sometimes he punches or paints them with a stencil even directly to the work. As a small hint to the origin. This suggests that they would paint as if by themselves.

The external influence becomes even more random. Sounds complex. It is. As a layman difficult to understand.

It is also no help that he tries to hide his art in addition.

For example, he has designed a Vector Graphics program that allows him to cover his real hand completely with a programmed hand so that reality is no longer visible. "A completely hidden hand" (a Duchamp idea). The paintings he paints look like they were "really" made by the computer. The disappearance of the material.

More and more detailed knowledge of software leads to an ever more independent artistic view and expression, comparable to its own "modernist, cubist painting".

With picture quotes that skip short a hundred years of art history and show surprising similarities between early Picasso, Velasquez and today's digital computer prints and produce. As if these artists had already known about it and consciously used these optical possibilities.

Fudge himself is a big fan of Picasso and Jasper Johns. His closeness to John's can also be seen very clearly in the oil paintings with the playfully used terms "Edit, Undo, Redo". He orients himself strongly to these artists and deals intensively with their works. Above all, his oil paintings describe his "visible, existing" work. Because they are materially comprehensible and have surface.

By contrast, his digital work can only be conceived in the realm of the "visible idea". There is no final output where a picture or print is finished. The "digital paintings" are more like versions. And by storage, they remain editable. Everything can always change as if by itself or disappear altogether. His art is incomprehensible. Nothing is really there. Only datasets. Dematerialized.

So we also see pictures that should not actually exist. In times of the flood of images a phenomenon in which one should necessarily look closer. As long as possible.


Three Artists. A Seemingly Wild Mix.

But opposites are known to attract. Images as contradiction, as questioning and dialogue. Each of them takes the "necessary time". They are not infected by fast pace and hectic pace. Without lingering in the past. Without ulterior motives. Without specific intentions. This offer is also made to the viewer.

Friedrich Schiller recognized this as early as 1793, well ahead of the fundamental theme described here, in his famous letters "On the Aesthetic Education of Man" and formulated it first:

Only they, the purpose-free occupation and engagement with the art, free the man from all the restrictions and deformations of his respective life. Only through the playful, purposeless handling of art will man become a real human being again.

Nick Fudge, Andreas Lau and Römer + Römer work with and for the pleasure of the individual. They question with a precise look. And a stay of hours. I know that I know nothing. In a purposeless world. Everything is turning.

"And she moves me."